Ist unser Arbeitszeitmodell noch zeitgemäß? Ein Blick in die Zukunft der Arbeit

Ist der 8-Stunden-Arbeitstag in unserem digitalen Informationszeitalter noch ökonomisch und effizient?

Zu Lebzeiten der Menschheit wurde stets gearbeitet und ausgeruht, und dies im ständigen Wechsel. Schon immer gehörte viel körperliche und geistige Betätigung zur Tagesstruktur. Dabei wandelten sich Arbeit und Leistung sowie Zeitstruktur flexibel gemäß den produktiven und zeitlichen Anforderungen. Doch wie ist es heute? Ist unser Arbeitszeiten-Modell in 8-Stunden-Rhythmen überhaupt zeitgemäß? Oder erfordern die neuen Erwartungen an digitalen Möglichkeiten vielleicht neue Arbeitsstrukturen? Und wenn ja, welche?

Arbeit im Wandel

Im Mittelalter strukturierte der natürliche Tag- und Nachtwechsel, beispielsweise in der Landwirtschaft, den Arbeitsablauf, um die körperlich sehr anstrengende und aufwändige Vieh- und Kornbetreuung sicherzustellen. Auf Bauernhöfen kümmerte sich jeder um körperlich schwere Aufgabengebiete und arbeitete sie nahezu bis zur eigenen Erschöpfung ab. In kleinen Handwerksbetrieben erarbeitete ein Meister mit seinen Gehilfen ein einzelnes Produkt vom Material bis zur Vollendung, von der Beschaffung bis zu kleinen Details, in einem langwierigen Arbeitsgang, der über Tage oder Wochen gehen konnte.

Schließlich konnte im 19. Jahrhundert die industrielle Massenproduktion durch den Einsatz von Maschinen eingeführt werden, um den Menschen die schweren Arbeitsprozesse zu erleichtern und zu verkürzen. Da die Maschinen demzufolge aber auch im 24/7-Takt durchweg im Einsatz sein konnten, musste ein Arbeitswandel vollzogen werden. Dank der Elektrizität konnte schließlich die Nacht in die Arbeitszeit eingebunden werden. In der Fließbandproduktion wurden nun auch mäßig qualifizierte Arbeiter nahezu versklavt in kurzen, aber monotonen Arbeitsabläufen in bis zu 16-Stunden-Schichten eingestellt.1 Der einzelne erarbeitete also nicht mehr das Ganze, sondern nur noch einen kleinen Bereich dieses ganzen Prozesses ab, sodass die Arbeiter ersetzbar blieben und kaum Fachwissen nötig war.

Der technische Fortschritt im Zeitalter der Industrialisierung vereinnahmte die menschliche Lebenszeit und unterteilte sie in feste zeitliche Abläufe. Der maschinelle Einsatz erleichterte damit die Beschleunigung menschlicher Tätigkeiten und ersetzte so auch einige davon, erlaubte aber im beschleunigten Arbeitsvorgang immer noch wenig Freizeit- und Weiterbildungsmöglichkeiten in neuen Kompetenzen. Da billige Arbeitskräfte erschwinglichere Preise ermöglichten und damit eine hohe Nachfrage, eröffnete der exponentielle Produktionsschub auch neue Berufszweige, in denen neue Ideen und Möglichkeiten erreicht werden konnten. Aber auch die Ausweitung altbewährter Praktiken wurden möglich.

Im Informationszeitalter wurden andere Fertigkeiten, technologische Kompetenzen und ein tiefes Computer-Wissen vonnöten, wodurch wiederum bisherige Normen abgelöst oder verändert wurden. Ein erneuter Wertewandel fand statt und eroberte durch Automatisierung, Digitalisierung und Vernetzung neue Chancengeber. Roboter, ausgeklügelte Software und automatisierte Maschinen ersetzten wiederum die körperliche Arbeit. Aufgrund der Digitalisierung erhöhte sich erneut die Qualität der Jobs, welche besser bezahlt wurden und weniger gesundheitliche Risiken bargen. Aber auch hier sind die Menschen, zwar nicht mehr zwingend durch harte körperliche Arbeit, dafür jedoch durch erhöhten mentalen Leistungsdruck einer anderen Belastungsform ausgesetzt, was in unserem Zeitalter neue Krankheitsbilder wie Burnout oder gar Boreout nach sich zieht.

Die Arbeitsfelder wandeln sich demnach mit jeder technologischen Umwälzung und beschleunigen damit den Wertewandel des Arbeitsmarktes. Eine Folge der neuesten Automatisierung ist der Wegfall vieler mittel- und gering-qualifizierter Berufe. Der Mensch ist im Allgemeinen zwar äußerst flexibel und anpassungsfähig, hat aber zeitliche und körperliche sowie geistige Grenzen.

Kommt die Automatisierung des menschlichen Denkens?

In Zukunft müssen wir noch stärker mit KI zusammenarbeiten.

Digital, technologisch, virtuell. Alles, was von Maschinen ausgeführt werden kann, erleichtert dem Menschen die Arbeit und erlaubt ihm deutlich mehr Zeit für andere körperliche oder geistige Interessen und Tätigkeiten. Die Automatisierung wesentlicher Tätigkeiten ermöglicht Unternehmen, Kosten und Personal drastisch einzusparen. Wenn Arbeitsplätze technologisch optimiert werden, entstehen zwar stets neue Jobs und auch neue Möglichkeiten. Die Angst, altbewährte Berufe und Tätigkeiten zu verlieren, langjährigen Aufbau an Kompetenzen und Erfahrungen plötzlich als nichtig zu erleben, lässt Gesellschaften jedoch aufhorchen und Gewohntes nur schwer aufgeben.

Automatisierungen erfahren wir in vielen Bereichen heutiger Jobs. Durch Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz ist beispielsweise das Finanzwesen stark rationalisiert worden. Fast alles findet nun mehr im virtuellen Raum statt. Online-Banking, automatische Sprachassistenten, bargeldloses Bezahlen, Krypto-Währungen usw. KI ist auch hier der entscheidende Fortschritt, der mittlerweile in den vielen Technologien unternehmerischer Handlungsweisen integriert ist, wodurch unzählige Dienstleistungen verbessert wurden.

Aber Jobs, wie sie beispielsweise in der Verwaltung oder im Management zu finden sind, werden nicht mehr lange bestehen können. Die „digitale Wirtschaft“ wächst und bedarf deutlich weniger Personal als noch vor einigen Jahrzehnten. Große Umstrukturierungen kommen auf uns zu und es wird nicht jedem gefallen. Berufe, die nicht zwingend von Menschenhand überwacht oder gar ausgeführt werden müssen, fallen drastisch aber sicher weg. Jobs aber, in welchen es um die Menschlichkeit und um persönliche Kommunikation geht, insbesondere kreative und schöpferische Tätigkeiten, werden aller Voraussicht nach länger erhalten bleiben.²

In Zukunft werden wir damit noch enger in Kooperation mit maschineller Intelligenz arbeiten (müssen). Lernen, Kompetenzerweiterung und Wissensadaption werden unter Umständen ausschließlich durch digitale Mittel erfolgen. Wir sehen, wie jetzt schon aus dem großen Digitalisierungs-Vermögen geschöpft wird.

Der Wandel der Arbeitszeit ist unumgänglich

Ein Wandel der Arbeitskraft und vor allem der Arbeitszeit ist somit unumgänglich. Die Arbeitsplätze verändern sich. Sie verschieben sich in neue Bereiche oder fallen ganz weg. Dabei kommt die Frage auf, ob es nicht sinnvoll wäre, das noch vorhandene menschliche Potenzial des Denkens und Arbeitens zu konzentrieren und so optimal zu nutzen, dass die wöchentliche Arbeitszeit verkürzt wird. Es könnte ausreichen, deutlich weniger pro Tag zu arbeiten, um dafür das persönliche Leistungspotenzial intensiver und effektiver zu nutzen. Dadurch ergibt sich viel mehr (Frei-)Zeit für kreative als auch individuelle Interessensgebiete. Wäre dadurch nicht auch mehr Zeit für Freunde und Familie übrig? Könnte dadurch das Zeitalter der Freizeit³ beginnen?

Man müsste sich nicht mehr die letzten zwei Stunden eines langen 8-stündigen Arbeitsalltags hindurch quälen, an irgendeiner Aufgabe weiter zu arbeiten, obwohl die Leistung schon lange ausgebrannt ist und der einzige Gedanke dem Feierabend gilt. Nicht ohne Grund ist „Burnout“ die neue Volkskrankheit und seit 2019 auch von der WHO als Krankheit anerkannt. Woher kommt nun dieser Krankheitszustand? – Fast immer durch zu viel Stress, Verantwortung und Leistungsdruck im Arbeitsalltag. Und zwar ausschließlich im Arbeitsalltag.

Arbeiten am Limit: Burnout vs. Boreout

Beides, Unterforderung sowie Überforderung, kann krank machen.

Arbeiten am Limit. Das heißt, nahezu 24/7 erreichbar zu sein, ständig gehetzt zur Arbeit und zurück zu gelangen, der hohen Flexibilitäts-Erwartung des Arbeitgebers nachzukommen und unzählige Überstunden zu machen. Immer mehr. Immer schneller. Immer besser? Ist das denn noch gesund?

Durch den Dauerstress am Arbeitsplatz gerät der Organismus schnell an seine Belastungsgrenzen. Der enorme Leistungsdruck, der fast überall mittlerweile zur täglichen Routine gehört, nagt irgendwann an unserer Belastungsfähigkeit. Konzentrationsdefizite, Schlafprobleme und ständige Unruhe sind Folgen solcher körperlichen oder psychischen Überbelastung

… oder auch Unterbelastung. Denn auch das Gegenteil, die Langeweile oder regelmäßige Unterforderung, kann diese Probleme auslösen. Wenn beispielsweise die Tages-Agenda innerhalb weniger Stunden abgearbeitet wurde, jedoch noch viel Arbeitszeit übrig ist, ist es wenig effizient, die übrigen Stunden unterfordert „vor sich hinzuarbeiten“. Doch viele Arbeitgeber pochen auf das Absitzen der Arbeitszeit, weil sie vertraglich festgelegt ist. Statt den frühzeitigen Feierabend einzuläuten, müssen die Arbeitnehmer die noch offene Arbeitszeit gestresst abbummeln. Kommt dieser Zustand häufiger vor, spricht man hier nicht von Burnout, was wörtlich das Ausbrennen der körperlichen Energiereserven umschreibt, sondern von Boreout, dem ausgeprägten Unterfordertsein. Der Leerlauf im Büroalltag ist demnach genauso gefährlich für die eigene Psyche und Körperkraft wie der überlastete Mitarbeiter kurz vor der Deadline. Beides verursacht erheblichen Stress.

Was sind die Alternativen zur gängigen Arbeitszeit?

Da oftmals die gewünschten Aufgaben im Arbeitsalltag zügig erledigt werden und der Arbeitnehmer weder im Leerlauf noch über der Belastungsgrenze arbeiten soll, gibt es aktuell folgende Optionen, die Arbeitszeit effizient zu gestalten:

1. Gleitzeit:

Mit Gleitzeit flexibel den Arbeitsbeginn verschieben.

Schon länger bekannt und vor allem für Pendler geeignet. Gleitzeit ermöglicht den Mitarbeitern, den Arbeitsbeginn so zu verschieben, dass es den persönlichen Umständen, ob aus familiären, zeitlichen oder individuellen Gründen, entsprechend angepasst ist. Um beispielsweise einem innerstädtischen Berufsverkehr fern bleiben zu können, ist es mit Gleitzeit legitim, das Büro beispielsweise auch erst um 10 Uhr zu betreten, statt um 8 Uhr. Im Zuge dessen verschiebt sich die 8-Stunden-Arbeitszeit nach hinten. So kann täglich individuell auf die privaten zeitlichen Einflüsse reagiert werden, ohne unausgeschlafen und gestresst zur Arbeit kommen zu müssen. Auch kann der Arbeitsbeginn um ein paar Stunden früher als üblich vorgezogen werden, ohne am Nachmittag bezahlte Arbeitszeit zu verlieren, weil man wegen eines Termins früher gehen müsste.

Die tägliche Arbeitszeit kann also individuell und flexibel verschoben werden. Verkürzt wird sie, wenn die Arbeitszeit vertraglich auf ein Wochenkontingent an Stunden vereinbart wurde. Hierbei ist es möglich, an einem Tag beispielsweise lediglich 5 Stunden zu arbeiten, während man an einem anderen Tag die fehlenden Stunden auf die ursprüngliche Arbeitszeit „nacharbeitet“. In Vollzeit-Verträgen ist dies ein schwieriges Unterfangen, weshalb diese Option nur in Teilzeit-Verträgen sinnvoll ausgenutzt werden kann.

2. Remote Work:

Flexibel von überall aus arbeiten.

Remote Work beschreibt die flexible mobile Arbeitsplatz-Gestaltung des Arbeitnehmers außerhalb des unternehmenseigenen Büros. Das englische Wort „Remote“ bedeutet „Fern“ und meint hier einen externen Arbeitsplatz, der örtlich variabel gewählt werden kann. Hierfür sind unter anderem Co-Working-Spaces angedacht, die es ermöglichen, in jeder x-beliebigen Stadt in einem Großraumareal einen Arbeitsplatz mit Internet-Zugang anzumieten.

Die Arbeitszeit kann hier individuell gestaltet werden, ähnlich einer Selbstständigkeit von Freiberuflern oder Freelancern. Es gibt keine feste Arbeitszeit, – außer sie ist vertraglich via VPN im Firmennetzwerk offen zu legen -, sondern nur eine Deadline, wann der Projektauftrag abgearbeitet und abgeschickt sein soll. Die Arbeitszeit beruht allein auf einer starken Vertrauensbasis von Seiten des Arbeitgebers, was auf dem heutigen Arbeitsmarkt nicht selbstverständlich ist. Die Flexibilität der Arbeitszeit ist im Remote Work ein großer Vorteil, vor allem, wenn es um die Work-Life-Balance geht. Jeder Arbeitnehmer benötigt jedoch ausreichend Disziplin im selbst bestimmten Arbeitsalltag, um sein Leistungspensum richtig einzuschätzen und die Deadline nicht aus den Augen zu verlieren.

Remote Work ist folglich eine gute Alternative, wenn die eigene Arbeitszeit selbst bestimmt sein soll. Da sie jedoch völlig frei wählbar ist, benötigt man eine hohe Leistungsbereitschaft und Disziplin, um letztlich weder zu langsam, noch zu viel zu arbeiten.

3. Home Office:

Arbeiten im privaten Raum bedarf viel Disziplin.

Spätestens seit dem Auftauchen des Corona-Virus kennt jeder den Begriff des Home Office. Die vorgeschriebene Arbeitszeit (oder die selbst gewählte bei einer Selbstständigkeit) wird an einem geeigneten Arbeitsort im privaten Wohnraum verbracht. Entweder wird ein eigener Raum als Büro genutzt oder ein großer Tisch mit Bürostuhl muss der wichtigen Arbeit dienen.

Zuverlässigkeit, Loyalität und Vertrauen sind hierbei wichtige Grundgedanken, um die Aufgaben und Projekte im richtigen, vor allem zeitlichen Maße abzuarbeiten. Nicht immer ist es leicht, sich einen Arbeitsalltag im privaten Raum einzurichten, geschweige denn beizubehalten, wenn Familie oder andere Ablenkungen ständig in Erscheinung treten.

Vorteilhaft ist die flexible Arbeitszeit-Gestaltung innerhalb der eigenen vier Räume, die einerseits einen freien Zugang zum Proviant ermöglicht, die andererseits den stressigen Berufsverkehr völlig außer Acht lässt.

Da die Arbeitszeit-Überprüfung im Home Office auf reiner Vertrauensbasis ruht, aber viele Arbeitgeber den Mitarbeitern nicht trauen (wollen), ist es vor allem in den USA inzwischen Standard, die tägliche Arbeitszeit mit Hilfe von Software-Programmen zu überwachen. In diesen „Arbeitstagebüchern“ müssen nicht nur die reinen Arbeitszeiten eingestellt, sondern auch die spezifischen Inhalte erfasst und übermittelt werden.

Ein Problem bleibt dabei bestehen: die Privatsphäre wird mit den Tagebüchern enorm eingeschränkt und die Daten sind oft unverschlüsselt einsehbar. Wer hat demnach Zugriff auf die Daten und Einsicht in die Inhalte? Gerade hier müsste es lockere Vertragsverhältnisse zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geben, die sowohl auf Vertrauen und Arbeitseifer basieren, aber auch Privatsphäre und Daten deutlich schützen.

4. ein Neuzugang: der 5-Stunden-Arbeitstag

Kurze Arbeitszeiten bewirken eine Steigerung der Leistungskraft.

Die Verlockung ist groß, eine Aufgabe langsamer anzugehen, wenn man mehr Zeit dafür hat. Aus diesem Grund würde durch ein effizienteres Zeitmanagement die 8-Stunden-Arbeitszeit abgeschafft und auf 6 oder gar 5 Stunden herab geschraubt werden. Gleiches Geld für weniger Arbeitszeit. Ein Traum? – Bereits Realität.

Büro-Anwesenheit bedeutet nicht immer gleich starke Leistung und hoher Schaffensdrang. Die feste Arbeitszeit, die von vielen Firmen strikt erwartet wird, beweist beispielsweise bei einer 40-Stunden-Woche, dass maximal die Hälfte der Zeit tatsächlich effizient und produktiv gearbeitet wird. Kognitiv und leistungsbedingt ist es menschlich einfach nicht möglich, in dauerndem Leistungshoch zu sein. Neurologisch gesehen ist zwischen 4 und 5 Stunden eine aktive Konzentration realistisch, während der Rest der Arbeitszeit oft weitgehend vertrödelt wird.

Denn Aufgaben werden je nach Umfang unterschiedlich schnell bearbeitet. Anliegen, die ohne große Fokussierung in kurzer Zeit abgearbeitet werden können, sind gebündelt im Nu erledigt. Größere Projekte müssen in längeren Zeitabschnitten behandelt und gelöst werden. Dadurch entsteht eine unterschiedliche Anzahl an Arbeitsstunden, die in der Menge von Tag zu Tag enorm schwanken können. Um keine Leerzeiten aufkommen zu lassen, gibt es in immer mehr Unternehmen den sog. 5-Stunden-Arbeitstag.

Indem also innerhalb der 5 Stunden hoch konzentriert und äußerst produktiv gearbeitet wird, kann der Arbeitstag früher beendet werden, um schließlich mehr Zeit für Hobbies, Freizeit und Familie sowie Freunde zu haben. Die Arbeitnehmer sind glücklicher, da ausgeglichener, und können durch die neu gewonnene Work-Life-Balance ein stressfreieres Leben führen.

Nicht „weniger“ zu arbeiten ist also die Devise, sondern „produktiver“. Die tägliche Arbeitszeit ist hier zwar festgelegt und örtlich eingeschränkt, ermöglicht aber – mit dem Wissen nach mehr Freizeit – eine höhere Leistungsbereitschaft und eine Disziplin, die das Unternehmen schließlich produktiver und effizienter macht. Diese Effizienz wird letztlich mit einem höheren Lohn honoriert.

Exkurs: Problem der Chronobiologie

Wer kann von sich behaupten, sowohl tagsüber als auch nachts erfolgreich arbeiten bzw. lernen zu können? Vermutlich kaum einer. Denn jeder Mensch folgt einer inneren Uhr, die das Leistungshoch bzw. Leistungstief zu unterschiedlichen Zeiten angeben, wonach die Arbeits- und Ruhezeiten von vornherein festgelegt sind. Man spricht hier von der sogenannten Chronobiologie.

Von griechisch „chronos“ für „Zeit“ untersucht dieser biologische Wissenschaftszweig u.a. die Verhaltensmechanismen, Zellstrukturen sowie Energielevel des Menschen. Unter dem sog. „circadianen Rhythmus“ beispielsweise werden körpereigene Prozesse verdeutlicht, die den „Schlaf-Wach-Rhythmus“ besonders beeinflussen. Wiederkehrende Regelmäßigkeiten in den Analysen der menschlichen Zellprozesse haben ergeben, dass es u.a. zwei Lern-Charaktere gibt, die zu äußerst unterschiedlichen Zeiten auffällig produktiv sind: die sog. Eulen und Lerchen, auch bekannt als Nachtschwärmer und Frühaufsteher.

„Lerchen“ arbeiten vormittags auffallend effizient.

Die „Lerchen“, die am frühen Morgen ausgeschlafen aufstehen, können bereits in den ersten Morgenstunden hochkonzentriert lernen und arbeiten. Am Mittag oder frühen Nachmittag verspüren sie ein extremes Leistungstief, was durch ein leichtes Vesper oder kleines Powernapping kurzzeitig aufgefrischt werden kann. Danach erfolgt erneut ein kurzer Energie- und Konzentrationsschwung, bis dieser am Abend völlig aufgebraucht ist. Eine erholsame Nacht macht den Lerchen-Rhythmus perfekt. Büro-Menschen, die produktiv zwischen 8 und 16 Uhr arbeiten können, gehören zu genau diesem Lerchen-Rhythmus.

Eulen“ sind nachts besonders produktiv.

Die „Eulen“ jedoch erleben diesen Arbeitsrhythmus komplett divergent. Sie quälen sich am Morgen aus dem Bett, um pünktlich bei der Arbeit zu sein, und versuchen, sich den Vormittag über im Halbschlaf aufzurappeln, damit halbwegs etwas Produktives erbracht werden kann. Ab dem Mittagessen kommen sie so langsam in Schwung und leisten ihre erste produktive Phase. In dem Moment, wenn sie bereits in ihrer Leistungsfähigkeit aufblühen, endet der Arbeitstag abrupt. Die festgelegte Arbeitszeit ist beendet, die Arbeit und Leistungskraft jedoch nicht. Das Problem: sie sind keine Lerchen, sondern Eulen. Ihre produktive Phase ist einerseits am Nachmittag, aber vor allem am Abend und in der Nacht. In der Stille und Einsamkeit der Nacht erreichen sie die Hochphase an Effizienz und Produktivität. Sie können sich in diesem Stadium besonders gut konzentrieren und am erfolgreichsten Problemlösungen ermitteln. Dafür kommen sie morgens nicht aus dem Bett und erleben den gewöhnlichen Alltagsrhythmus völlig fremd.

Der biologische Rhythmus ist demnach von Mensch zu Mensch verschieden und sollte dementsprechend auch genutzt werden. Wer also als Eule in einem Lerchen-Beruf tätig ist, muss sich entweder enorm verbiegen oder wird auf diesem Leistungsniveau nur schwer erfolgreich sein. Lerchen können umgekehrt nicht als Eulen tätig sein, da sie nachts einfach zellbiologisch nicht konzentriert oder produktiv genug arbeiten können.

Lerchen sind demgemäß besonders tauglich für feste Tagesrhythmen, wie sie im Remote Work, Kurzarbeit sowie in festen 8-16-Uhr-Arbeitszeiten zugegen sind. Wohingegen Eulen explizit in flexible, nachtaktive Arbeitszeiten passen, wie sie in der Gleitzeit, teilweise im Remote Work und vor allem im Home Office möglich sind.

Wer folglich weiß, wie seine biologische Uhr tickt und wann seine Hochphasen an Leistung, Konzentration und Produktivität sind, kann seine berufliche und zeitliche Arbeitswahl heutzutage bewusst wählen und damit seine Kompetenzen äußerst effizient einsetzen, um auch beruflich stets erfolgreich zu sein. Arbeitszeit-Alternativen sind heutzutage, dank Digitalisierung und Technologisierung, deutlich relevanter denn je.

Wie sieht die Zukunft der Arbeitszeit aus?

Die gängige Arbeitszeit-Verteilung muss regelmäßig überdacht und optimiert werden, um den neuen Ansprüchen an Arbeitnehmer und Arbeitgeber gerecht werden zu können. Da durch maschinellem und digitalem Einsatz die Anforderungen an Arbeitskraft und Arbeitszeit im stetigen Wandel sind, müssen Anpassungen, ausgerichtet nach der Work-Life-Balance, auch im Freizeitangebot dargeboten werden. Digitalisierung und Automatisierung erfordern neue und aktualisierte Jobausrichtungen, die altbewährte Arbeitsplätze verbessern oder überholte durch neue Jobs ersetzen. Folglich ändern sich dadurch auch die Arbeitszeitmodelle.

In Zukunft wird daher weniger Zeit für Erwerbstätigkeit nötig sein. Im Umkehrschluss eröffnet dieser Arbeitszeit-Wandel auch mehr freie Zeit für selbst bestimmtes Lernen und Ausbilden von neuen Qualifikationen, die den Ansprüchen der „neuen Arbeit“ gerecht werden können. Der maschinelle Einsatz löst überflüssige Tätigkeiten ab und ermöglicht qualitativere Jobs, in denen Know-How und geistige Arbeit zur Grundlage werden. Einfache Jobs, die weder viel Qualifikation noch Arbeitskraft benötigen, werden nach und nach durch Maschinen ersetzt. Die Kooperation vieler Arbeitsplätze mit KI und Software ist somit schon jetzt die gewaltige Errungenschaft des Informationszeitalters, was bereits gegenwärtig Arbeitszeit und Arbeitsleistung erleichtert. Als Beispiel ist hier der Costumer Service eines Unternehmens zu erwähnen. Mit Hilfe von Chatbots wird dem Kundenservice der triviale Teil der Arbeit abgenommen, sodass dieser sich anspruchsvolleren Anliegen zuwenden kann.

Die Arbeitszeit muss also nicht erst in Zukunft auf ein Konzentrationshoch (z.B. 5-Stunden-Arbeitstag) gebündelt und reduziert werden, während die übrige Zeit für Freizeit und Familie genutzt wird. Vielmehr eröffnet sich damit die Möglichkeit, die hinzugewonnene Zeit zur Kompetenzerweiterung zu verwenden und somit den Vorsprung zu den Technologien, welche immer weitere Bereiche der Arbeit einnehmen, auszubauen.

Um den Gedanken fortzuführen, erlaubt uns die stetige Optimierung der Arbeitsprozesse durch entsprechende Technologien die gänzliche Aufhebung der aus heutiger Sicht als Arbeit empfundenen Tätigkeiten. Die automatisierte Wertschöpfung würde ein bedingungsloses Grundeinkommen ermöglichen. Der Mensch wäre ökonomisch abgesichert und seine „Arbeitstätigkeiten“ würden sich auf Forschung, Entwicklung, Kreativität und Soziales beschränken – oder vielmehr erweitern?!

Zum Fundament menschlicher Kompetenzen sollte also lebenslanges Lernen als Werkzeug der Zukunft gehören.

ncl

  1. http://library.fes.de/gmh/main/pdf-files/gmh/1984/1984-02-a-077.pdf
  2. aus: Constanze Kurz, Frank Rieger: Arbeitsfrei. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen, Verlag: Riemann, 2013. S. 242ff.
  3. aus: Toby Walsh: 2062. Das Jahr, in dem die künstliche Intelligenz uns ebenbürtig sein wird, Verlag: riva, 2019. S. 300.

Das könnte dich auch interessieren …

2 Antworten

  1. 5. April 2021

    […] Augenmerk. Blended Working nutzt die neuen Arbeitnehmer freundlichen Vorteile und ermöglicht über Gleitzeit, Home Office, Remote Work oder über Co-Working-Plätzen auch an Wochenenden oder Urlaubstagen virtuell an […]

  2. 5. April 2021

    […] Informationszeitalter kam ein weiterer technologischer Wandel zutage. Der Fortschritt in den digitalen Medien und der erneuten Prozessoptimierung, deren Beschleunigung von Arbeitsschritten wiederholt zur […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.