Bringt Corona den digitalen Aufschwung?

Von analog zu digital in kürzester Zeit.

In den letzten Jahren dümpelte der digitale Fortschritt nur so vor sich hin. Digitale Neuerungen kamen nur zögerlich hervor. Die Formen der Digitalisierung waren vor allem in den Unternehmen, Behörden und Schulen eher Wunschdenken als Tatsache. Dabei verstrich dermaßen viel Zeit, dass im Jahre 2020 immer noch jeder Amtszettel in Papierform versendet oder persönlich übergeben werden muss, Firmen nur in wenigen Branchen Home Office oder virtuelle Konferenzen ermöglichen, die Bildung der Kinder und Erwachsenen ausschließlich mit persönlicher Anwesenheit in Schulen und Bildungszentren erlaubt ist, aber Homeschooling strikt verboten wird.

Seit die Coronavirus-Pandemie ihr Unwesen treibt, ist es mit einem Mal doch möglich, Home Office, virtuelle Konferenzen und sogar Homeschooling auszuüben. Mit wenigen Umbauten und Organisationszügen ist es ad hoc und innerhalb weniger Tage durchführbar gewesen, was jahrelang mit zögernden Händen und kritischen Blicken negiert wurde. Warum hat die Politik es derart versäumt, den digitalen Aufschwung voranzubringen? Welche Ängste hinderten sie daran, die globale Wirtschaftswelt digital zu aktualisieren? Die Vorteile, die der schnelle Umbau und die mentale Überwindung zum digitalen Zeitalter bringen, zeigt Corona im digitalen Hier und Jetzt.

Zwangsmaßnahmen brechen die Grenzen zur Digitalisierung auf

Jetzt, da alle gezwungen sind, einem unbekannten und unsichtbaren Feind entgegen zu stehen, können Unternehmen ihre Hierarchien und digitalen Grenzen aufbrechen. Wie wir während der Quarantäne sehen konnten, bedarf es nicht viel, den Weg zur digitalen Welt zu ebnen. Mit wenigen Handgriffen und technischen Umstrukturierungen, wie den Umbau der Telefonanlage für digitale Anrufe und zeitgleiche Konferenzschaltungen, Raum oder Bereich für Video-Calls und virtuelle Meetings etc., ist die digitale Zukunft plötzlich Gegenwart. Nur wenige Unternehmen mussten bisher die Aufnahme von gesondert technischem Zubehör erweitern oder erst gewähren. Die meisten Firmen verfügen bereits über das Wichtigste: eine qualitativ hohe und schnelle Internetverbindung.

Was in jedem Unternehmen heutzutage zum ultimativen Standard gehört, wurde nun im verwaltungstechnischen Umbau aktualisiert. Die digitale Verwaltung gehört plötzlich zur Norm. Kein unnötiger massenhafter Papierdruck mehr, keine Doppelbelastung durch Papier- und Online-Formularen, kein Wettbewerbsverlust durch zögerliche Investitionen in digitale Transformationen und damit effizientere Möglichkeiten, keine gefühlt ewigen Wartezeiten auf Bearbeitung oder Rückmeldungen bei dringenden Angelegenheiten. Die digitale Verwaltung begünstigt den bereits gewohnten schnelllebigen Standard in unserer Gesellschaft. Alles war längst überfällig. Der Lockdown verleiht – unfreiwillig – der Digitalisierung einen großen Nachdruck.

Social Distancing ebnet den Weg in die virtuelle Welt

Social Distancing in allen Lebensbereichen.

Aufgrund der Corona-Pandemie mussten bisher alle wesentlichen Lebensbereiche notgedrungen digital ersetzt werden. Social Distancing erfordert das Unterlassen jeglichen direkten Kontakts zu anderen Personen, wodurch der Online-Handel einen erneuten Boom verzeichnen konnte. Lieferdienste sind gefragter denn je, obwohl es dadurch zu Engpässen in Lieferkapazitäten und zu drastischen Verzögerungen in der Auslieferung kommt. Die Kunden nehmen das in Kauf, es bleibt ja kaum eine Alternative, auch wenn die meisten Geschäfte vor Ort langsam wieder regulär öffnen.

Ärzte mussten ihre Praxen schließen und können durch virtuelle Sprechstunden weiterhin Fragen zu Behandlungsmethoden oder Medikationen klären. Rechnungen werden plötzlich überall digital ausgestellt und müssen nicht mehr manuell unterzeichnet per Post verschickt werden. Wichtige und dringende Unterlagen sind dadurch unverzüglich erreichbar.

Die uneingeschränkte Kartenzahlung ist ein besonderes Phänomen. Beim Bäcker des Vertrauens beispielsweise war es bisher nur selten möglich, mit der Karte zu bezahlen. Es war üblich, bar zu bezahlen oder vor dem Einkauf bei einem Bankautomaten Bargeld abzuheben. Die Social Distancing-Maßnahmen haben es quasi über Nacht vollbracht, diesen Umweg abzuschaffen. Corona sei Dank!?

Auch Museen und Galerien haben die Digitalisierung in ihren Gefilden verstärkt. Aufgrund der ausbleibenden Besucherzahlen und der eingeschränkten Zugangsoptionen bieten sie auf ihren Websites vermehrt virtuelle Rundgänge an. So kann sich Jedermann die Ausstellungen anschauen, ohne Gefahr einer Ansteckung zu laufen.

Auch andere künstlerische Veranstaltungen ziehen nach. Konzerte und theatralische Darbietungen sind über virtuelle Plattformen erreichbar. Über gemeinsame Schaltungen oder Web-Nutzung, unabhängig von Öffnungszeiten, können kulturelle Angebote dem Publikum wieder zugänglich gemacht werden – und das nicht nur tagsüber, sondern auch bei Nacht.

Der Arbeitsplatz wird optimiert

Remote Work verbindet Home Office mit Büro-Präsenz.

Aufgrund des Lockdowns und Social Distancing mussten sämtliche Unternehmen ihre Läden, Lager und Büros schließen. Dies hat zur Folge, dass Mitarbeiter in Zwangsurlaub, in Kurzarbeit und fast immer ins Home Office versetzt wurden. Bis auf die System relevanten Berufe waren kaum noch Arbeitnehmer unterwegs. Weder mit der Bahn, dem Auto oder mit sonstigen Fahrgelegenheiten.

Der angenehme Vorteil dabei ist, dass nun sämtliche Fahrten zur Arbeitsstelle ausbleiben. Kein Zeitdruck, kein Termindruck, keine Unfälle, kein Stau, keine Abfahrts-Verzögerungen der Bahn, keine Ausfälle. Der Arbeitsweg reguliert sich. Es fällt auf, wie entspannt es sein kann, im Remote Work oder Home Office zu arbeiten, wenn der Arbeitsplatz, der Laptop, nur noch wenige Minuten entfernt liegt.

Da Remote Work bereits in den letzten Jahren großen Zuspruch bekam, war die Umsetzung dennoch nur zögerlich in Gang gesetzt worden. Dabei hat die Arbeitsweise, indem man abwechselnd im Home Office und im Büro arbeitet, großen Vorteil. Nicht nur die stressigen Arbeitswege mit Staus und Unruhen, sondern auch der extreme Geräuschpegel sowie das unnötige Geplauder von Kollegen während der Arbeitszeit entfallen. So bleibt die Konzentration in ruhiger, entspannter Atmosphäre dauerhaft bestehen. Selbst die Lunchbox bleibt aus, wenn der eigene Kühlschrank oder Herd in greifbarer Nähe sind. Die Angst des Arbeitgebers, dass der Arbeitnehmer die Arbeitszeit eher vertrödelt als produktiv zu nutzen, bleibt unbestätigt. Die Mitarbeiter werden konsequent in virtuelle Teams mit digitalen Padlets, Scrum-Software und regelmäßigen Video-Konferenzen zusammengebracht, sodass jeder Fortschritt zu jedem Zeitpunkt einsehbar ist.

Die Digitalisierung hat dank Corona auch den Fokus wieder auf die inländische Wirtschaft gelegt. Wirtschaftliche Abhängigkeit von ausländischen Produktionsstätten hat im Verlauf der Pandemie deutlich gezeigt, dass die eigene Wirtschaftskraft zum Erliegen kommt, sobald der Import aus entfernten Ländern plötzlich stagniert. Es zeigt sich, dass das Thema Globalisierung auch ihre Tücken haben kann und neu gedacht werden muss. Aus diesem Grund wird wieder mehr in lokale Erzeugnisse und vor allem in System relevante Versorgungsgrundlagen aus eigener Produktion investiert, um im Ernstfall die Nachfrage selbst bedienen zu können.

Am Stärksten etabliert sich hierin der Schwerpunkt Erneuerbare Energien. In vielen Energie-Programmen ist immer schon die Rede von Erneuerbaren Energien wie Solar-, Wasser- oder Windenergie gewesen, doch auch hier wurde das Potenzial der Umsetzung noch immer nicht ausgeschöpft. Zeitgleich gab es weiterhin Verhandlungen zum Für und Wider von Altbewährtem wie Kohleabbau oder Kernreaktoren. Die Corona-Pandemie bringt in der Politik nun Zweifel auf, ob der bisherige Fahrplan zur Umsetzung Erneuerbarer Energien in diesem Tempo Sinn macht oder ob es Beschleunigungsansätze durch etwaige Investitionen geben muss. Die Diskussion jedenfalls ist entfacht und man wird beobachten, ob die Pläne verändert oder weiterhin so umgesetzt werden.

Kann ein digitaler Bildungsrückstand von Jahrzehnten aufgeholt werden?

Die Digitalisierung an bildungsrelevanten Institutionen ist immer extrem rückständig gewesen. Obwohl Wissen durch den technologischen Fortschritt mittlerweile jederzeit und überall zugänglich ist, hat die staatliche Schule in ihrem Bildungsauftrag zum Thema „technologischen Wettbewerb und Wandel“ stets versagt. Weder Smartboards, E-Learning-Plätze, virtuelle Klassenräume, digitale Pinnwände, noch genügend Wahlfachoptionen oder Freies Lernen gehörten zum eigentlichen angemessenen Bildungsstandard. Digitalisierung an Schulen? Fehlanzeige.

Zwar ist Interdisziplinarität an Schulen immer ein wichtiger Themenzweig gewesen, wurde aber nur zögerlich in die Bildungspläne eingebaut. Dabei werden hiermit entscheidende Kompetenzen aufgebaut und essenzielle Social Skills in Eigenständigkeit, Verantwortungsfähigkeit und logischer Flexibilität gefördert. Doch ohne Interaktivität durch digitale Ressourcen, die bereits in jedem Zuhause zur Grundausstattung gehören, fehlt oft der Anreiz zum Weiterlernen oder die Lernrelevanz überhaupt.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist jedem klar geworden: Lernen ist nicht nur in der Schule möglich. Unerwartet und überraschend schnell konnten die Bildungseinrichtungen reagieren: innerhalb kurzer Zeit wurden entsprechende Wochenpläne online gestellt, digitale Infoboards oder Padlets realisiert, zusätzliche Hausaufgaben in Lernapps vorgegeben, sodass darüber hinaus mithilfe des Internets wirklich jedes Wissensgebiet schnell erreicht und umgesetzt werden kann. Digitalisierung an Schulen? Nun ein Bildungsstandard. Ob das auch nach Corona so bleibt?

Ist eine Leistungskontrolle nur vor Ort möglich?

Das eigene Hause ist für viele Kinder der beste Ort zum Lernen.

Homeschooling und Digitalisierung haben einen großen Lernvorteil für den Schüler: in selbst gewählten Lernintervallen kann jedes Kind das Tempo und die Intensität des Lernens bewusst gestalten und den eigenen Bedürfnissen anpassen. Es bleibt darüber hinaus genügend Zeit für andere, Fächer übergreifende Interessen übrig. Durch dieses Vorgehen, auch Freies Lernen genannt, ermöglicht es dem Kind, seinen Lern-Interessen noch vertiefender nachzugehen und das auch mit technologischem Standard, wie dem Smartphone, Laptop oder Tablet.

Dabei bedarf es nicht der ununterbrochenen Anwesenheit eines Elternteils, wie es oft behauptet wird und von den mehrheitlich in Home Office arbeitenden Eltern als nicht organisierbar und in extremem Zeitverlust führend abgestempelt wird. Denn mit Hilfe von interaktiven Lernapps ist es jedem Schüler möglich, sich selbständig und unabhängig fundiertes Wissen anzueignen.

Social Distancing führt auch im Homeschooling nicht zur sozialen Ausgeschlossenheit, was ebenfalls oft kritisiert wird. Gerade hier zeigt sich die notwendige und ad hoc realisierte Digitalisierung an Schulen. Soziale Apps verfügen über Konferenz- und Video-Optionen, die vielfach von den Schulklassen eingesetzt werden, um miteinander in Kontakt zu treten und auch das soziale Klassengefüge über die schulfreien Monate zusammenzuhalten.

Über virtuelle Klassengespräche per Konferenz-Apps, wöchentliche persönliche Video-Calls und vorgegebene Lerneinheiten in Lernapps können die Lehrbeauftragten den Lern- und Wissensstand der Kinder regelmäßig und transparent überprüfen, ohne im direkten Kontakt vor Ort sein zu müssen. Schülervorträge, einzelne Tests, Gruppenarbeiten erfolgen bequem von zu Hause vor einem Bildschirm. Einzig die gemeinsamen Prüfungen bedürfen der persönlichen Anwesenheit im Bildungsinstitut. Denn Möglichkeiten zum Schummeln sind in einem Video-Call in gewisser Weise möglich, außer die Prüfungsfragen werden so gestellt, dass logisches, kreatives Denken und gefestigtes Wissen Voraussetzungen sind. Ein öffentlicher Raum erfüllt jedoch die Qualität und das Kollektivgefühl von Prüfungen eher.

Die Zeit nach Corona

Die große Frage bleibt also offen: bleibt der unerwartete digitale Wandel in allen Lebenslagen auch nach der Corona-Pandemie bestehen? Ist der große Übereifer der Digitalisierung nur ein Effekt der Zwangsmaßnahmen und reguliert sich nach der Pandemie wieder?

Die überraschend vielfältigen Einsatzgebiete digitaler Investitionen in den letzten Wochen haben gezeigt, dass wir intensiver und schneller im digitalen Zeitalter ankommen mussten als geplant. Die Digitalisierung war längst überfällig und hat enormen Aufschwung in vielen praktischen Bereichen ausgelöst.

Die Zeit nach Corona wird also offenbaren, ob der reflexartig digitale Einsatz und Nutzen so viel Wert bringen, dass sie aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken sind. Das einzige Manko dem dies entgegensteht, ist im Grunde einzig die gesellschaftliche Mentalität sowie Unsicherheit der Menschen gegenüber Neuartigem. Wenn wir statt der inneren Angst vor Neuem eine kindliche Neugierde dafür entwickeln würden, wäre der Weg frei für die nutzbringende digitale Transformation der Zukunft.

ncl

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Eine Antwort

  1. 20. Dezember 2020

    […] seit dem Auftauchen des Corona-Virus kennt jeder den Begriff des Home Office. Die vorgeschriebene Arbeitszeit (oder die selbst gewählte […]

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