Blended Working – die Entgrenzung der Arbeit

Arbeits- und Privatleben gehen ineinander über.

Neben der Work-Life-Balance (WLB) wird in den großen Unternehmen gegenwärtig vor allem die Arbeitsform des Blended Working (BW) angewandt, in Analogie zur WLB auch Work-Life-Blending genannt. Die klare Abgrenzung von Arbeit und Freizeit wird hierbei aufgehoben und ermöglicht einen fließenden Übergang zwischen den beiden Lebensbereichen. Doch was versprechen sich Firmen mit dieser neuen Arbeitsform und welche Möglichkeiten werden für Arbeitnehmer generiert? Und welche Risiken entstehen mit der Entgrenzung der Arbeit?

Die Entgrenzung der Arbeit

Das englische Wort „Blending“ heißt „mischen, verwischen, verschmelzen“. Im Kontext des Arbeitsprozesses bedeutet dies das Verwischen der Übergänge von Arbeitszeit und Freizeit. Die räumlichen, zeitlichen und sozialen Grenzen werden aufgehoben, sodass eine klare Abgrenzung nicht mehr sichtbar ist.

Was noch in der Work-Life-Balance strikt gefordert wird, ist im Blended Working eher ein Hindernis. Die Freiheit und Flexibilität im Berufs- und Privatleben ist nur dann gegeben, wenn beide Bereiche miteinander operieren. Wenn beides inhaltlich und emotional ineinander übergeht, sodass beinahe eine Symbiose entsteht. Die Vorzüge der fachlichen Kompetenzen streifen das Private und bewirken eine mentale Ausgeglichenheit. Selbstbestimmtes Arbeiten, das die beruflichen Fähigkeiten überschreitet und die Interessen auch in der Freizeit bestätigt, ist ein zukunftsgerichtetes Arbeiten und Denken, was von den Unternehmen im zunehmenden Maße gewünscht wird.

Die Auflösung der Grenzen von Arbeitszeit und Privatleben ermöglicht demnach eine inhaltliche Fokussierung arbeitsrelevanter Themen, die sowohl orts- als auch zeitunabhängig erledigt und gestaltet werden sollen. Der Flexibilität in dieser Arbeitsform gilt das Augenmerk. Blended Working nutzt die neuen Arbeitnehmer freundlichen Vorteile und ermöglicht über Gleitzeit, Home Office, Remote Work oder über Co-Working-Plätzen auch an Wochenenden oder Urlaubstagen virtuell an Konferenzen oder Projekt-Meetings teilnehmen zu können.

Die Anwesenheit variiert also je nach Bedarf mit der Abwesenheit, sodass private und berufliche Angelegenheiten zeitlich, sozial und örtlich arrangiert werden können. Firmen verfahren mit dieser Mitarbeiter-Freiheit und -Flexibilität sehr gut, weil dadurch die mentale Stabilität und Leistungsfähigkeit des Arbeitnehmers gewährleistet wird. Das Arbeitsleben wird beinahe zum Lifestyle des Privatlebens. Im besten Fall wird dadurch die Arbeit nicht mehr als notwendiges Übel, sondern als Bereicherung, wenn nicht sogar als entscheidender Lebensinhalt verstanden, in dem man sich Wissen sowie Kompetenzen aneignen und persönlich entwickeln kann.

Das Selbstlerner-Prinzip im Fokus

Beim Blended Working werden An- und Abwesenheit stark vermischt, sodass nicht mehr deutlich sein muss, an welchem Tag Büro-, Home Office- oder Co-Working-Zeiten stattfinden. Die Vertrauenszeiten, die der Arbeitgeber zur Verfügung stellt, können individuell eingesetzt werden. Dies ermöglicht eine freie Zeiteinteilung und unabhängige Aufenthalts-Bestimmung. Dadurch wird der Selbstlerner-PrinzipModus des Arbeitnehmers gefördert.

Selbstverwirkichung und Selbstbestimmung stehen aktuell hoch im Kurs, damit sich die eigene Persönlichkeit in Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen frei entfalten kann. Digitale Nomaden leben es beispielsweise vor. Unabhängig von Zeit, Ort und einem festen Unternehmen arbeiten sie meistens selbstständig oder freiberuflich für verschiedene Projekte. Sie sind auf der ganzen Welt verstreut. Allein das Was ist für sie relevant. Es geht um Kompetenzen, Selbstständigkeit, aber vor allem um Weiterbildung sowie Vertiefung. Die Stärken können selbstbestimmt ausgebaut und nach eigenem Schwerpunkt und Ermessen ausgelebt werden. Diese Freiheit ist es, die vor allem Digitale Nomaden anlockt, mit dem Laptop als Arbeitsplatz in der Welt umher zu reisen.

Es gibt zwei Schwerpunkte, die im Blended Working relevant sind:

1. Autonomiebedürfnis:

Wie oben bereits beschrieben, ist der Bedarf an Eigenständigkeit mit hoher Motivations- und Leistungsbereitschaft ein Problem in gewöhnlichen Unternehmen. Mitarbeiter, die mehr wollen als nur Geld zu verdienen und sich deshalb in den Grenzen der unternehmerischen Welt eingeengt fühlen, können psychisch so stark abbauen, bis sie ihre guten Eigenschaften und Stärken nahezu ganz verlieren. Die Möglichkeit, Zeit und Ort des Arbeitens selbst zu bestimmen, ist in solchen Fällen unabdingbar.

2. Kompetenzbedürfnis:

Die Flexibilität im Wo und Wann des Arbeitens ist eine große Sache. Die Vielfalt des Wie ist noch essentieller für selbstbestimmte Lerner und Arbeitende. Im Beruf möchte man wachsen und sich entwickeln, weshalb es zwingend nötig ist, sich weiterzubilden. Dies geschieht, indem man neue Fertigkeiten erlernt, innovative Wissensfelder erschließt und sich spezialisierte Kompetenzen virtuell oder in Bildungszentren aneignet. Doch in Firmen wird es oft erschwert, die Tätigkeiten wechseln oder in andere Positionen aufsteigen zu dürfen. Neue Anreize werden untergraben oder gehen verloren und die Eintönigkeit der täglichen Aufgabenstellungen verringert die Eigenmotivation und den natürlichen Wissenshunger. Hier ist die Lösung, Weiterbildungs- und Aufstiegschancen zu gewähren. Und zwar im großen Interesse des Arbeitnehmers, ohne ihn aufgrund seines Weiterbildungswunsches einzuschränken.

Exkurs: Co-Working meets Co-Living

Co-Living ist das beste Beispiel für den gegenwärtigen Entgrenzungsprozess der Arbeit. Der Begriff beschreibt das Überlappen von Co-Working und Wohngemeinschaften. Er bedeutet also das gemeinschaftliche Teilen von Arbeitsplatz und Wohnraum.

Was früher einmal die Arbeiterviertel und -wohnungen bildeten, ist in der Immobilienbranche aktuell der große Clou. Das Aufleben des minimalen Raumverbrauchs ist nun auch am Arbeitsplatz angekommen. Der Hype um Minimalismus, Nachhaltigkeit und optimaler Ressourcenverwendung lässt die Unternehmen hellhörig werden, wenn es um finanzielle Einsparungen sowie Flexibilität der Mitarbeiter geht.

In der Praxis ist Co-Living das Leben in der Wohngemeinschaft. Jeder bewohnt ein eigenes kleines privates Zimmer, teilt sich jedoch alle anderen Wohnbereiche wie Küche, Wohnzimmer und Badezimmer. Der Arbeitsplatz wird ebenfalls geteilt. Er ist fast immer bereits im Wohnbereich integriert, da Home Office immer mehr zum Berufsalltag gehört. Oder er wird in den jeweiligen Firmen vor Ort flexibel genutzt, sodass sich mehrere Mitarbeiter einen Arbeitsplatz teilen.

Ein einziger Computer steht dann für verschiedene Tätigkeiten von unterschiedlichem Personal zur Verfügung. Ressourcennutzung: 1+ mit Sternchen. Weniger haptische Arbeitsplätze, dafür mehr Funktionsräume für Meetings, Video-Anrufe, Vorträge oder Projekte mit virtueller Realität.

Dies machen sich die großen Unternehmen aktuell zu nutze, weshalb der Immobilienmarkt im Co-Living-Segment boomt. In jeder größeren Stadt werden umfangreiche Bauvorhaben umgesetzt, um die neue Art des Arbeitens direkt verfügbar zu machen.

Der Vorteil: Firmen können ihre Mitarbeiter flexibel arbeiten lassen, wodurch im Gegenzug die Kosten für die hohe Personalfluktuation und die Arbeitsfahrtzeiten deutlich verringert werden.

Der Nachteil: Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter, wie früher, in großen Vierteln unterkommen lassen, um sie besser an sich binden zu können, entstehen Ghetto-artige Zustände, in denen sich für das dortige Gemeinwohl Konflikte herausbilden können, etwa in unkoordinierte Gruppendynamiken oder im extremen unerreichbaren Leistungsdruck.

Co-Living umschließt nicht nur das Materielle. Hier geht es um ein ideelles, philosophisches Gut. Gemeinsame Interessen, sowohl im Beruflichen als auch Privatem, können im kollektivem Bewusstsein besser ausgelebt werden. Kultur und Leben werden damit noch enger mit dem Job verknüpft. Für Menschen, die ein hohes Bedürfnis danach haben, Teil einer Gemeinschaft zu sein, ist Co-Living das ideale Konzept.

Das Ziel: im kollektiven Arbeits-Lebens-Rhythmus soll die Produktivität deutlich gesteigert werden. Aufgrund der Digitalisierung ist ein annähernd unbegrenztes Arbeiten möglich geworden.

Welche Risiken birgt das Vermischen von Arbeits- und Privatleben?

Die Vorteile für Blended Working liegen auf der Hand: die Produktivität und Leistungsbereitschaft soll gesteigert werden. Im gemeinschaftlichen Arbeiten sind Mitarbeiter motivierter. Die Flexibilität der Arbeitsstätte erleichtert den Alltag, wodurch die Arbeitnehmer zufrieden und ausgeglichen sind. Krankheitsfälle und Burnout lassen deutlich nach. Die Arbeitsplatzauslastung wird enorm verbessert, die Personalfluktuation kann auf ein Minimum reduziert werden.

Die positiven Auswirkungen des Blended Working birgen jedoch auch Risiken. Die größte Herausforderung im Blended Working ist es, trotz lokaler Abwesenheit geistig anwesend zu sein. Personen, die Schwierigkeiten haben, ohne physische Präsenz Leistung zu erbringen und sich selbst organisieren zu können, sind fürs Blended Working ungeeignet. Diese Form des Arbeitens bedarf hoher Eigenmotivation, Disziplin und hohen Belastungsgrenzen in Zeitdruck und Stressmomenten.

Der Alltagsstress im Job beeinflusst das Privatleben enorm. Die Grenzen beider Bereiche sind aufgehoben. Das eine greift in das andere über. Der Job wird zum Lebensinhalt und prägt die kollektiven Zugehörigkeiten sowie familiären Beziehungen. Ein starkes Selbstbewusstsein mit Kenntnis der eigenen Wünsche, Ziele und Fähigkeiten ist Grundvoraussetzung im Blended Working.

Die reine virtuelle Anwesenheit und das selbstbestimmte Arbeiten in einem Netzwerk birgt nur für diejenigen einen Mehrwert, die ein großes Bedürfnis nach beruflicher Freiheit, kollektiver Zusammenarbeit und geringer Einflussnahme sowie Strukturierung von außen haben. Wem dies zu viel Verantwortung im Selbstbestimmungsmodus ist, dem ist die Work-Life-Balance eine optionale Arbeitsform.

Wenn man sich also den persönlichen Bedürfnissen im Arbeits- und Lebensbereich bewusst ist, leistungsstark im selbstständigen, uneingeschränkten Arbeiten ist, seine Angelegenheiten unabhängig strukturieren und organisieren kann, dann bietet Blended Working die Arbeitsform, in der man sich beruflich frei entfalten kann.

ncl

Inspiration/Quelle: Christiane Brandes-Visbeck, Susanne Thielecke: Fit für New Work. Wie man in der neuen Arbeitswelt erfolgreich besteht – Businessmodelle, Work-Life-Balance, Co-Working Co., Verlag: Redline, 2018.

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2 Antworten

  1. Ich wollte schon immer mehr wissen über work life balance. Ich denke, das ist etwas, über das jeder mehr wissen sollte. Ich werde diesen Artikel auch mit meinem Onkel teilen. Das interessiert ihn auch.

  1. 5. April 2021

    […] Also das Gegenteil von dem, was die WLB theoretisch fordert. Dazu findet man den Begriff des Blended Working, in Analogie zur WLB auch Work-Life-Blending genannt. Diese Methode der sinnvollen Ausgeglichenheit […]

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