Work-Life-Balance – Alles nur ein Hype?

Arbeits- und Privatleben sollten im Einklang sein.

Die jüngere Generation erhebt seit geraumer Zeit den Anspruch, ihre beruflichen und privaten Bedürfnisse in vollem Maße ausleben zu dürfen. Sie zielt auf das natürliche Verlangen nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung in beiden Lebensbereichen ab. Mit dem Bewusstsein: dass der Mensch der im digitalen Zeitalter nun mehr erhöhten Arbeitsbelastung nur dann entgegenwirken kann, wenn Berufliches und Privates deutlich im Einklang stehen. Hierbei taucht vor allem der Begriff der Work-Life-Balance (WLB) auf. Doch was heißt dieser Begriff konkret und warum besteht der Anspruch erst jetzt?

Work-Life-Balance als neuer Arbeitsanspruch

Mit Work-Life-Balance ist in erster Linie das Ausbalancieren der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gemeint. Das Privatleben dürfe unter keinen Umständen unter der beruflichen Situation leiden, genauso wenig andersherum. Die beiden Lebensbereiche sind in der Theorie demnach streng voneinander zu trennen und dürfen sich nicht wechselseitig negativ beeinflussen.

Aufgrund der strikten Trennung von Arbeits- und Privatleben besteht automatisch eine Korrelation von Bedürfnissen und sozialen Rollenverteilungen, deren Ansprüche sehr unterschiedlich aussehen können. Im Job möchte man fachlich aufgehen und mit dem Vorgesetzten sowie den Kollegen auf Augenhöhe stehen. Es bedarf also viel Aufwand seine Leistung sowohl mental als auch physisch aufrecht zu halten, um nicht in Regression oder gar in Missgunst zu fallen.

Im Bereich des Familienlebens sieht es anders aus. Die Bedürfnisse und Ansprüche sind hier auf mehrere Ebenen verteilt. Zum Einen hat die Familie und der Bekanntenkreis den Wunsch, in regelmäßigem Kontakt zu bleiben, während die arbeitsfreie Zeit recht knapp erscheint. Zum Anderen benötigt jeder Arbeitnehmer selbst eigene Ruhe- und Ablenkungsphasen, in denen er kulturell, spirituell oder durch Sport seinen Interessen nachgehen kann, um die Energiereserven wieder aufzutanken.

Die Ansprüche sind in beiden Lebensbereichen demnach sehr hoch und verteilen sich auf verschiedene soziale Rollen, wodurch die Belastungsgrenzen im Extremfall enorm ausgeschöpft werden können.

Neue Belastungsgrenzen seit der Digitalisierung

Die Erwartungen der Arbeitgeber den Arbeitnehmern gegenüber sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Die zunehmende Digitalisierung macht es möglich. Zuverlässigkeit, Disziplin und Loyalität sind Eigenschaften, die die Unternehmer von den Mitarbeitern verstärkt einfordern. Die Belastungsgrenzen der Arbeitnehmer sind dadurch extrem verschärft worden. Die Gründe und Probleme liegen in folgenden Punkten:

1. 24/7-Erreichbarkeit

Verfügbarkeit, die rund um die Uhr vorausgesetzt wird, ist zur Belastungsprobe für den menschlichen Körper geworden. Die Ruhephasen werden gestört, die Regeneration durchbrochen, sodass die Leistungsfähigkeit im Beruf stagnieren muss. Eine Trennung von Arbeitszeit und Freizeit ist daher zwingend nötig.

2. Knappere Deadlines

Mit weniger Ressourcen und schnelleren Prozessabwicklungen ist der Arbeitnehmer gezwungen, noch effizienter zu arbeiten und kürzere Abgabefristen einzuhalten. Ohne gewisse Automatisierungstechniken kann der Arbeitgeberanspruch kaum noch durchgesetzt werden.

3. Rasante Informationsaufnahme

Der Arbeitnehmer ist durch den technologischen Fortschritt eindringlich dazu angehalten, relevante Informationen noch effizienter aus Projekten, Datenpaketen und Analysen zu selektieren. Die Konsequenz ist eine zwanghafte und unnatürliche Daten- und Informationsaufnahme, die in sauberer Qualitätsarbeit kaum zu bewältigen ist. Leichtsinns-Fehler und falsche Datenrezeptionen passieren. Dadurch steigt der Stresspegel und die Leistungsfähigkeit sinkt.

4. schnellere Antwortzeiten

Die 24/7-Erreichbarkeit über Laptops oder Smartphones bedingt eine direkte Zugänglichkeit, die es nahezu herausfordert, überall und augenblicklich verfügbar zu sein. E-Mails, Meetings, kurzfristige Absprachen, Datenübermittlungen: all das ist zu jedem Zeitpunkt Arbeit, die unmittelbar bearbeitet werden kann. Folglich wird vorausgesetzt, auch prompt zu reagieren und die Kapazitäten voll auszunutzen. Dass dies nicht immer situativ möglich ist, tritt oft in den Hintergrund. Die Konsequenz dieses immensen Leistungsdrucks ist allgegenwärtig. Die neue Volkskrankheit der arbeitenden Leute: Burnout.

5. verstärkte Erfüllung der Kundenzufriedenheit

Kundenservice ist heutzutage das A und O. Alles richtet sich nach der ultimativen Verbraucherzufriedenheit und ewigen Kundenbindung. Aufgrund des Anspruchs des Mitbestimmungsrechts in Beruf und Privatleben folgt der Konsument heutzutage dem verstärkten Bewusstsein für Qualität und Nachhaltigkeit. Daraus resultiert ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Service und Mitspracherecht in allen Belangen. Um diesen Druck entsprechen zu können, sind Unternehmen und Mitarbeiter gezwungen, noch genauer und leistungsorientierter zu arbeiten.

Spezielle Firmenangebote als Gegenpol zum höheren Leistungsdruck

Im Gegenzug zu den neuen Belastungsgrenzen der Arbeitnehmer sind die Unternehmen verstärkt dazu angehalten, ein Firmen immanentes Angebot auszubreiten, um die Senkung der Mitarbeiterfluktuation und Verbesserung der Büromentalität sicherzustellen.

Der wichtigste Entlastungspunkt ist die Möglichkeit der selbst bestimmten Arbeitszeiteinteilung. Flexible Arbeitszeiten wie Gleitzeit und Home Office haben bereits viel zum Thema beigetragen.

Weitere Angebote sind meist Kinderbetreuung, Chillax-Areas, Gemeinschaftsspiele, Spa-Zuschläge wie Massagen, Fitnessstudio-Zuschläge, gesundheitsfördernde Küchen und Kantinen.

Insbesondere die individuelle Freiheit der und das bewusste Vertrauen in die Mitarbeiter, dass diese die Projekte und Aufgaben in selbst bestimmter Zeiteinteilung abwickeln können und dabei leistungsstark bleiben, findet großen Zuspruch.

Die Vertrauensbasis ist hier also das Schlüssel-Element. Vertrauen in die Stärken und Kompetenzen der Mitarbeiter, aber auch in die Unternehmen, dass beide Parteien am gemeinsamen Strang ziehen, ohne in irgendeiner Weise benachteiligt oder diskreditiert zu werden. Dass Arbeits- und Privatleben weder zu kurz kommen, noch unausgeglichen sind, sondern sich in der Work-Life-Balance befinden, ist der Anspruch der neuen Arbeitnehmer-Generation.

Doch warum (erst) jetzt? Ist alles nur ein Hype?

Ist es denn begründet, dass ausgerechnet jetzt der Anspruch der WLB besteht? Sind die Bedürfnisse in all den Jahrzehnten, gar Jahrhunderten immer in den Hintergrund gerückt, sodass Ausbeuterei und wirtschaftliche Vormachtstellung an der Tagesordnung standen?

Bereits während der Industrialisierung begann mit der Technologisierung und Automatisierung von Arbeitsschritten in der Produktion ein Aufschrei in den Fabriken, die monotone Fließbandarbeit und Massenabfertigung mit humaneren Arbeitsbedingungen zu verbinden. Die soziale Bewegung führte bekanntermaßen zur Einführung von Gewerkschaften, Betriebsräten, Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie Arbeitsverträgen und noch wichtiger: zur Stabilisierung der Arbeitszeit und „Freizeit“. Bereits hier war also das Bedürfnis nach einer Work-Life-Balance ein dominierendes Thema.

Im Informationszeitalter kam ein weiterer technologischer Wandel zutage. Der Fortschritt in den digitalen Medien und der erneuten Prozessoptimierung, deren Beschleunigung von Arbeitsschritten wiederholt zur Destabilisierung der Arbeitnehmer-Leistungsfähigkeit führt, bestätigt also den Anspruch, den individuellen Ausgleich von Berufs- und Privatleben zu fordern.

Ist die WLB die Rettung der Arbeitnehmer?

Der Hype nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung liegt demnach jeweils in der erweiterten Technologisierung und Automatisierung von wirtschaftlichen Prozessen begründet. Die Work-Life-Balance ist folglich kein Hype, wenn die Arbeitsbedingungen dadurch tatsächlich in den Fokus gestellt werden.

Doch kann die WLB den Mangel der Bedürfniserfüllung ausgleichen? Bietet die WLB die Lösung, um die sozialen Bedingungen aufzubessern? Ist die Trennung von Job und Privatleben überhaupt möglich? Wird die Aufmerksamkeit und Leistungsbereitschaft in beiden Lebensbereichen ausreichend aufgeteilt? Sind beide Teilbereiche gleichermaßen zu werten?

Um die Selbstverwirklichung im Beruf und Privatem gleichermaßen aufzuteilen, muss man ganz genau wissen, welche Bedürfnisse und Ansprüche persönlich aufgearbeitet werden müssen. Es bedarf großer Kenntnis des Selbst und der eigenen Kompetenzen, individuellen Wünsche und vor allem zukünftigen Möglichkeiten, um zu verstehen, wie die persönliche Zukunft aussehen soll. Eine Trennung von Beruf und Leben ist daher nicht immer vorteilhaft und kaum zu bewältigen.

Vielmehr ist eine sinnvolle Ausgeglichenheit dienlich: das Ineinanderfließen von Arbeits- und Privatleben. Also das Gegenteil von dem, was die WLB theoretisch fordert. Dazu findet man den Begriff des Blended Working, in Analogie zur WLB auch Work-Life-Blending genannt. Diese Methode der sinnvollen Ausgeglichenheit ist mittlerweile in fast allen Unternehmen standardisiert zu finden und erfüllt die Bedürfnisse aller Parteien deutlich besser, da hierdurch eine motivierende Arbeitsform für alle „Selbstverwirklicher“ vorliegt.

ncl

Inspiration/Quelle: Christiane Brandes-Visbeck, Susanne Thielecke: Fit für New Work. Wie man in der neuen Arbeitswelt erfolgreich besteht – Businessmodelle, Work-Life-Balance, Co-Working & Co., Verlag: Redline, 2018.

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